thomas_bratzke

das „abbild des leeren signifikanten“ zasd ist für mich in vielfacher hinsicht herausfordernd. der titel irritiert mich, denn der signifikant zasd ist nicht „leer“ – er verweist meiner meinung nach auf den autoren zasd, dessen tag hier offensichtlich an prominenter, sichtbarer und schwer zu entfernender stelle die besucher*in begrüßt und als signifikant sogar der ausstellung einen namen zu geben scheint. der signifikant zasd überschreibt quasi die co:exist- ausstellung.
und im unterschied zum gesprühten tag im urbanen raum hat dieser 3d-tag eine rückseite. er verweist auf den ursprung der schrift, ein ritzen in einen stein. in ein dreidimensionales objekt, ein blatt, eine wand.
und der tag hat einen zwilling im urbanen raum. einen geheimen, verbotenen zwilling. die dopplung des objekts stellt im galerieraum geltende ordnungen des außenraums in frage.

 

carsten

welche rolle spielt co:exist in deiner arbeit?

generell versuche ich in meiner arbeit als künstler über das notwendige hinaus das mögliche und unbekannte zu suchen. d.h. wenn ich genug zu essen habe und ein dach über dem kopf und es meiner familie gut geht, dann kann ich anfangen, was anderes zu tun als die sicherung des lebensunterhaltes. etwas schönes und erbauliches zu suchen, etwas zu formen, das bringt kaum geld. aber wenn es existiert, kann es betrachtet werden und anderen menschen die möglichkeit bieten sich zu fragen, wie es um die schönheit ihres lebens bestellt ist.
in bezug auf die arbeit in der ausstellung kann ich sagen, dass es mich interessiert, ein zeichen von seiner notwendigkeit zu befreien. d.h. ein zeichen vorzubringen, welches nicht sagt: bitte hier entlang, bitte das kaufen, das kostet so viel, verboten, tu dies und das.

ich finde die vorstellung reizend, zeichen die im stadtraum klare funktionen haben, wie z.b. ordnung herzustellen, um für sicherheit zu sorgen, oder zu werben, um profit zu generieren etc., also diese zeichenwelt als material zu nutzen, um zeichen herzustellen, die nicht funktionieren. unmögliche zeichen, die vielleicht schön sind.

in der ausstellung befindet sich ein abbild eines zeichen, welches in seiner struktur einem leeren signifikanten ähnelt. das ist ein zeichen, welches nicht über sich selbst hinausweist, ein zeichen, welches sich selbst genug ist, ein zeichen, welches also nichts vom betrachter möchte als angeschaut zu werden, betrachtet zu werden.

das ist also ein scheinbares zeichen und es besteht aus buchstaben. und es hat in gewisser weise eine tradition. dieser typ von zeichen entstand im new york der sechziger und siebziger jahre, als kinder und jugendliche geheime namen auf alle oberflächen der stadt schrieben, die sie erreichen konnten. die signaturen und kalligraphisch anmutenden schriftzüge waren als spielelemente überhaupt nicht notwendig. sie wurden öffentlich in der freizeit hergestellt, wurden zum spaß hergestellt, weil kinder und jugendliche das schön fanden.
von außen betrachtet konnten die meisten bewohner new yorks in diesem plötzlich existierenden zeichen überhaupt nichts erkennen und dieses unbekannte löste ein unbehagen aus.
zeichen, die sich der ganzen stadt bemächtigen, mussten doch eine feindliche funktion haben! dementsprechend wurde alles getan, diese zeichen wieder zurückzudrängen: gesetze erlassen, spezialkommandos der polizei gegründet und so weiter.

auch ich habe als kind und jugendlicher gefallen daran gefunden, meine geheime signatur oder auch meinen „tag“ in berlin hier und dort auftauchen zu lassen. ich war ganz wild danach. es hat so einen spaß gemacht und es war schön. es war als wäre ich infiziert worden von einem virus der schönheit.

heute versuche ich mit diesem zeichen weiterzuarbeiten und plastische, leere signifikanten zu formen. die körperlichkeit und der resonanzraum von sprache und schrift eröffnen mir dabei einen großen freiraum.
ein weiterer aspekt von co:exist besteht in bezug auf diese arbeit darin, dass der ausstellungsraum als ein raum des austausches und der betrachtung ein plastisches abbild dieses zeichens beherbergen wird und der eigentliche leere signifikant an einem unbekannten ort im stadtraum sein volumen einnehmen wird.

weitere künstlerische positionen

moki marie strauß atelier le balto lena whooo yero adugna eticha video
ausstellungsrundgang
[10:58 min]
heike kelter nomeda loredana nemes merete røstad alexandre decoupigny
und schüler*innen der
nehring-grundschule
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schemmann
lovis hirschmann
kaon yeom und
meryem çelik
(schüler*innen des
gottfried-keller-
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emilia stroschein karen scheper / dorothea vogel
(und schüler*innen der heinrich-
v.-stephan-schule)
video
ausstellungsrundgang
[3:30 min]